IranNaher Ostentrending

Kiffen, koksen, Kopftuch tragen: Teherans Underground

Es klingelt an der Tür. Der Dealer ist da. Mit im Gepäck: Wodka, Gras und Kokain. So schnell wie er kam, so schnell ist er auch wieder weg. Die Dunstabzugshaube wird angeschmissen. Aber wir kochen doch gar nicht? Achso. Sie soll den Rauch aufsaugen. Vom Joint, der gerade angezündet wird.

Ich schaue mich um. Das Wohnzimmer ist groß. Auf dem Boden ein riesiger, orientalischer Teppich. Die Wände kahl. Dazwischen Holzverkleidung. Auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes steht jetzt die Wodka-Flasche. Nicht 0,75 Liter. Nein, die große 1,5-Liter-Pulle muss es sein.

Es könnte ein beliebiges Wohnzimmer in Europa sein. Vielleicht irgendwo in Berlin-Mitte. Ist es aber nicht. Denn dieses Wohnzimmer befindet sich in Teheran – der Hauptstadt jenes Landes, in dem der Konsum von Alkohol und Drogen bis aufs Härteste bestraft wird. Auch mit dem Tod.

Doch daran denke ich jetzt nicht. Mein Blick schweift weiter durch den Raum. Er bleibt an der in Plastik verpackten Fernbedienung hängen. Hier im Iran wird so vieles in der Original-Plastikverpackung gelassen. Sofas, Stühle und eben Fernbedienungen. Eine Art von Wertschätzung. Der Wunsch, wichtige Gegenstände möglichst lange am Leben zu erhalten. Während es gleichzeitig in diesem Wohnzimmer nur so von lebensgefährdenden Substanzen wimmelt.

In meine Gedanken versunken stütze ich mich gemütlich mit den Armen auf dem Tisch ab. Ein Aufschrei. „Sarah, Neiiiin!“. Ich hebe meine Arme und sehe die Kokain-Lines, die meine beiden Gastgeber fürsorglich mit einer Kreditkarte auf der Oberfläche ihres iPads angeordnet haben. Ups, sorry.

Wenn der Dealer dreimal klingelt: Im Iran läuft alles Underground

Im Iran spielt sich ein Großteil des privaten Lebens drinnen ab. Zuhause ist der Ort, an dem sich Freunde treffen; an dem der „Hidschab“ – die iranische Kleiderordnung – vor der Tür gelassen wird. Bars und Clubs sucht man landesweit vergebens. Daher wurden Alternativen geschaffen – im Untergrund.

Wer Geld hat, bestellt sich Alkohol und Drogen direkt nach Hause. So, als würde man Pizza bestellen. Wer viel Geld hat, bestellt teure europäische Marken. Wer weniger Geld hat, greift auf regionale Produkte zurück.

Mittlerweile ist der erste Joint leergeraucht. Einer der Gastgeber öffnet das Uhrwerk einer kleinen Kuckucksuhr, die auf dem Kaminsims neben der Couch steht. Er schiebt das Plastiktütchen mit dem restlichen Marihuana in den Hohlraum. Der kleine Untergrund für das heimische Wohnzimmer.

Die restlichen Gäste haben es sich mittlerweile auf dem Sofa gemütlich gemacht und ziehen abwechselnd eine Line vom iPad. Die Luft der Wohnung ist inzwischen ein Gemisch aus Zigaretten- und Marihuana-Rauch, die Wodkaflasche leert sich im Sekundentakt.

 „Wenn wir Party machen wollen, fahren wir immer den Highway auf und ab“

Theoretisch kann im Iran alles eine Partylocation sein – sofern die Öffentlichkeit nichts davon mitbekommt. Denn öffentliches Tanzen ist ebenfalls verboten. Hier ist Kreativität gefragt!

So feiern, tanzen und trinken einige Iraner gerne im Auto, bei maximal laut aufgedrehter Musik. Ein Paar aus Schiraz feiert regelmäßig Partys auf einem mehrspurigen Highway – während sie mit ihrem Auto und lauter Musik diese eine bestimmte Straße immer wieder rauf und runter rasen. Ab und zu kurbeln sie dann das Fenster herunter. Immer dann, wenn an einer der Brücken mal wieder ein Bild der geistlichen Führer ihres Heimatlandes hängt – um ihnen den Mittelfinger zu zeigen.

Natürlich hört sich das zunächst einmal total lustig an. Aber führt euch das bitte einmal vor Augen: Ihr seid am Tanzen, alle bewundern euer Outfit und ihr habt jede Menge Spaß – doch sobald ihr die Party verlasst, müsst ihr als Frau wieder euer Kopftuch anlegen und euren Körper unter einem weiten Mantel verbergen.

Als Frau im Iran spürst du jeden Tag den Druck, der auf deinen Schultern lastet. Und du siehst ihn – in Form des Hidschabs, der dir ins Gesicht rutscht und dich in den Sommermonaten tierisch schwitzen lässt.

Provokation: Die heimliche Rebellion

Die Stimmung in der Teheraner Wohnung ist mittlerweile ausgelassen. Doch das ist erst die Vorstufe. Die Vorstufe zum Vorglühen. Wir sind auf einer Hausparty eingeladen. Aber zunächst sollen wir noch bei anderen Freunden vortrinken. Im Iran weiß man selten, was einen als Nächstes erwartet.

Jetzt werden die Lippenstifte gezückt und die Jogginghosen gegen die kürzesten Hotpants getauscht, die ich je gesehen habe. Ich fühle mich wie ein Mauerblümchen. Mein Rucksack ist voll mit weiten Mänteln, lockeren Hosen, langen Shirts. Ich habe nichts zum Anziehen. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? Wie naiv war ich gewesen, davon auszugehen, dass es nur dieses eine, öffentliche Leben im Iran gibt? Das Leben, das hier in dieser Form eigentlich keiner so richtig führen will?

Provokation und Übertreibung sind die beiden iranischen Antworten auf die fortwährende Unterdrückung. All die verbotenen Dinge werden im Geheimen kompensiert – und das in einem unverhältnismäßigen Ausmaß. Was zählt ist dieser eine Abend, diese eine Nacht, dieser eine kurze Moment der Provokation.

Ich finde etwas, das ich anziehen kann und fühle mich immer noch meilenweit underdressed. Inmitten der halbnackten Iranerinnen wirke ich fast wie eine muslimische Sittenwächterin – oder einfach wie eine graue Maus. Meine Gastgeber bieten mir eine Line an. “Geht auf uns, du bist unser Gast“, strahlen sie und ich strahle zurück. Trotzdem lehne ich dankend ab und konzentriere mich darauf, mein Outfit aufzumotzen.

“We go party!“, grölt jemand aus der Gruppe, hält mir einen Shot vor die Nase und deutet gleichzeitig mit der anderen Hand in Richtung Tür. Ich bin aufgeregt und weiß gar nicht, was ich zuerst tun soll – mich freuen, den Shot trinken oder das Kopftuch überwerfen.

Das gefährlichste am Iran: Der Teheraner Straßenverkehr

Aber wie kommen wir zur Party? Achso, mit dem Auto. Ähm…ja. Wer fährt? Anscheinend derjenige, der am meisten druff ist. Wir machen uns bereit für die Außenwelt – für die Männer heißt das eigentlich nichts, für die Frauen Kopftuch und Mantel. Wobei es im Teheraner Norden noch sehr locker zugeht. Da kann das Kopftuch auch gerne einmal bis fast in den Nacken rutschen.

Selbst im Auto herrscht Kopftuchpflicht. Das nimmt die Gastgeberin aber nicht so genau – schließlich ist es Donnerstagabend. Denn Donnerstag ist der iranische Samstag und bedeutet somit: Party-Time! Ihr Freund manövriert – erstaunlich gut für seine Verfassung – den Kleinwagen durch den Teheraner Großstadtverkehr. Selbst tagsüber ist es schon fast lebensgefährlich, als Fußgänger eine Straße in Teheran zu überqueren. Hier fährt jeder wie er will, Ampeln gibt es kaum oder werden ignoriert. Wir rücken unser Kopftuch zurecht und können kaum erwarten, es wieder abzulegen.

Der Fahrer bringt den Wagen an sein Limit und jagt ihn mit Höchstgeschwindigkeit über die mehrspurigen Straßen. Bis wir uns wieder einmal in einem der vielen, endlos langen Teheraner Staus verfangen. Ich glaube, ich stand noch nie so lange im Stau wie in Teheran.

Die Musik dröhnt aus den Boxen, unser Gastgeber läuft zu Höchstformen auf, als der Stau sich auflöst. Die Reifen quietschen, als er sich in die Kurven lehnt und zwischenzeitlich hoffe ich einfach nur, dass wir lebendig ankommen. In seinem Rausch nimmt der Fahrer die Kurve unter der Brücke etwas zu weit – um dann abrupt anzuhalten, das Fenster herunter zu kurbeln und einem Obdachlosen ein Riesenbündel Geldscheine in die Hand zu drücken. Mittlerweile wundere ich mich über gar nichts mehr.

Meine Gastgeberin beendet derweil hektisch ein wildes Telefonat. Das Vorglühen wurde soeben abgesagt – es geht direkt zur Party. Wie gesagt: Die Pläne im Iran ändern sich sowieso minütlich, ohne dass man es überhaupt mitbekommt. Es lohnt sich nicht, welche zu schmieden.

Party unterm Schleier

Die Partylocation ist riesig. Es gibt ein pompöses Buffet mit Käsestückchen in den verrücktesten Farben, persischen Süßigkeiten in den unterschiedlichsten Formen und eine Getränkekarte, die man wild rauf und runter bestellen kann – kostenlos. Zwischendurch klingelt es immer mal wieder an der Tür. Offiziell werden Intstant-Nudelsuppen geliefert. Aber kurz darauf sind neuer Alkohol und neue Drogen da.

Die Freunde meiner Gastgeber arbeiten für die Regierung, das Haus sieht dementsprechend aus. Hohe Wände, edles Mobiliar – der Raum erinnert an die Empfangshalle eines altehrwürdigen Museums. Es gibt zwei Stockwerke und die Decken sind mit Stuck besetzt. Prächtige Vorhänge rahmen die bodentiefen Fenster ein. An den Seitenwänden stehen antike Sofas, wie in einem Schloss. Vielleicht bin ich ja in einem Schloss?

   

Da fällt mir ein, dass ich überhaupt gar nicht weiß, wo ich eigentlich bin. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, zieht mich meine Gastgeberin schon auf die Tanzfläche. Um mich herum verschwimmt alles in einem dunklen, lila Glimmen. Die Mädels haben sich ordentlich herausgeputzt, ein Kleid kürzer als das andere – von Kopftüchern und weiten Klamotten keine Spur. High-Heels glitzern im gedämpften Licht, aus den Boxen tönen die aktuellen US-Charts. Die Stimmung ist ausgelassen, auf der Tanzfläche ist kaum noch Platz. Immer wieder kommen neue Leute hinzu. Alle wollen, dass ich die beste Zeit habe. Und die habe ich.

Menschen mit riesigen bunten Plastikbechern laufen umher, in denen sich ganz bestimmt nicht nur Mojito befindet. Absolut jeder hier hat das Ziel, ans Limit zu gehen. Diesen einen kostbaren Moment auszunutzen. Und für eine Weile zu vergessen, dass sie jeden einzelnen Tag mit den Grenzen ihrer Freiheit konfrontiert werden.

Bald müssen die ersten die Party verlassen. Sie haben mit ihren Eltern eine Uhrzeit vereinbart, zu der sie wieder zu Hause sein müssen. Denn im Iran wohnen insbesondere Mädchen noch häufig bei ihren Familien. Andere wiederum nutzen die Feier lediglich zum Vorglühen und ziehen zur nächsten Hausparty weiter. Bevor sie die Party verlassen, hüllen sie sich in ihren Hidschab. Denn draußen, vor der Haustür, geht alles seinen gewohnten Gang.

Hier drinnen jedoch spüre ich weiterhin die iranische Freiheit. Zusammen tanzen und jubeln wir. Zusammen singen wir zur Musik, lachen und stoßen an. Es könnte eine beliebige Party in Europa sein. Vielleicht irgendwo in Berlin-Mitte. Ist es aber nicht. Denn nirgendwo wird so gefeiert wie in Teherans Underground.

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