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Bulgarien: 100 Kilometer in die falsche Richtung

Warum die falsche Richtung nicht immer die schlechteste ist – und wie es ist, auf einmal eine Kralle am Mietwagen zu haben.

Der Rila-Nationalpark ist ein großer Nationalpark…

Es schien alles perfekt für unseren Ausflug. Wir wollten von Sofia zu den sieben Rila-Seen fahren, eine wunderschöne Seenplatte inmitten des Rila-Nationalparks. Zwei Stunden sollte die Fahrt dauern.

Zwei Stunden fuhren wir auch – vorbei an Seen, Flüssen und einer schäbigen Stadt namens Samokov. Bis Samakov waren die Straßen auch super – doch danach taten sich zunehmend riesige Schlaglöcher auf, die so groß waren, dass sie nicht mehr richtig umfahren werden konnten. Die Straße wurde zu einem Weg und wir waren zunehmends geschockt, wenn wir einem anderen Menschen begegneten.

Für einen kurzen Moment stellte ich mir die Frage, warum man die Straße, die zu dem Touristenhighlight der Region führte, so verkommen lässt – doch den Gedanken verwarf ich schnell wieder. Es gab Wichtigeres zu tun: Über Steine am Fluss hopsen und die unfassbar frische Luft inhalieren.

Und dann hörte die Straße auf…

Nach zwei Stunden Fahrt schienen wir unserem Ziel so nah – und binnen weniger Sekunden doch so fern. Wir erreichten eine Geisterstadt und wurden sofort mit nicht so freundlichem Hundegebell empfangen. Der Weg endete an einem Schlagbaum – daneben ein Polizist mit Gewehr, der uns sehr schnell schreiend deutlich machte, dass es hier kein Durchkommen für uns gab.

Ein Blick auf Google Maps verriert aber, dass sich hinter dieser Schranke ein See befand. Das war doch bestimmt der See, nach dem wir suchten, oder? Und war das hinter der Schranke nicht auch eine Wanderkarte?

Es half alles nichts, der Polizisit war so in Rage, dass es nicht klug gewesen wäre, an ihm und seinen Hunden vorbeizulaufen. Also drehten wir ratlos und schweren Herzens wieder um.

Der falsche Ort

Während wir den gleichen Weg wieder zurücktuckerten, kamen wir an einem alten Hotel im Wald vorbei. Vielleicht wusste man ja dort, warum die Seen gesperrt waren? Wir fragten nach. Die – wahrscheinlich gerade aus dem Mittagsschlaf erwachte – sehr nette Besitzerin erklärte uns im gebrochenen Englisch, dass hinter der Schranke das Wasserresovoir von Sofia liege – und man schon seit 80 Jahren nicht dorthin könnte.

So langsam wurde uns klar, dass da etwas schiefgelaufen sein musste. Wir waren zwar im Rila-Nationalpark (den mein Kumpel als Ziel eingegeben hatte) aber nicht bei der Rila-Seenplatte. Diese lag gut anderthalb Stunden Autofahrt von uns entfernt. Zu weit, um noch dorthin zu fahren und wirklich etwas davon zu haben.

Doch war das so schlimm? Eigentlich nicht. Bei der nächsten Gelegenheit parkten wir den Wagen und stürzten uns in die faszinierende Natur des Nationalparks, die wir mit niemandem teilen mussten.

„Now you have big problem“

Nach unserer Wanderung stoppten wir in der eben erwähnten hässlichen Stadt – Samokov. Wir wollten einen Kaffee und fanden glücklicherweise ein gutes Café, das von außen super hässlich aussah aber innen sehr hübsch war („Envy Café“, der Name ist – zumindest für Samakover Verhältnisse – Programm ;-)).

Hier steppt der Bär – Samokov
Lauch gibt es genug in Samokov

Als wir zurückkehrten, war unser Mietwagen beschlagnahmt – am Vorderreifen prangte eine riesige Kralle. Ein paar Meter entfernt standen zwei Männer, die die Szene beobachteten und rauchten. Einer von ihnen sagte: „Now you have big problem“.

Wir wussten zunächst nicht, wie „big“ big problem zu definieren war – wir dachten schon, wir müssten zu irgendeiner Polizeistelle, die dann im besten Fall noch geschlossen hatte etc.pp. Doch schnell stellte sich heraus, dass die beiden rauchenden Männer mit den übergeworfenen gelben Warnwesten selbst die Kralle angebracht hatten. Wie legal das ganze war – keine Ahnung. Kann man Autokrallen auf ebay Kleinanzeigen kaufen? Möglich. Gelbe Warnwesten? Garantiert. Half uns das jetzt weiter? Nein!

Wir erkundigten uns höflich, wie „big“ unser Problem denn sei – die Antwort war 15 Euro. Also für jeden 3,50 Euro. Da mussten wir jetzt zwanghaft seriös bleiben. Eigentlich hätte der Typ uns so richtig abzocken können. Aber wir gaben uns demütig.

Doch eine Sache wollten wir schon noch wissen: Wie hätten wir denn überhaupt ein Ticket kaufen können? Mr. Kralle zeigte auf eine Gruppe kichernder Frauen in gelben Warnwesten. Ich hätte schwören können, dass die ganz bestimmt vor einer Stunde noch nicht da gewesen waren.

Dieses ausgebrannte Auto hat bestimmt bald auch ne Kralle

Nachdem unser Auto wieder befreit war, erkundeten wir weiter. Egal, ob die vielen Angler am Iskar Resovoir oder kleine Dörfer auf dem Weg – es gab viel zu sehen, auch wenn es nicht das war, was wir erwartet hatten.

In einem kleinen Dorf in der Pampa zwischen Sofia und Samokov fanden wir auf einer Wiese ein ausgebranntes Auto. Wie es hierhin kam? Keine Ahung. Warum wir hierhin kamen? Bitte fragt doch nicht sowas! Keine Ahnung! Aber ich bin mir sicher, auch hier wird demnächst eine nigelnageneue Kralle am Reifen prangen.

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