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Wie ist es eigentlich so… in St. Petersburg von Menschenhändlern aufgegriffen zu werden?

Ihr Augenlid zuckte. Doch das war nicht das, was mich irritierte. Was mich irritierte war, dass sie perfektes Englisch sprach. Dass sie beide perfektes Englisch sprachen. Die beiden Frauen, die wie aus dem Nichts im Flur unsere kleinen Hostels aufgetaucht waren.

Es war später Abend in St. Petersburg, außer uns war niemand im Hostel. Nur die beiden gut gekleideten Frauen, denen wir dummerweise soeben die Tür geöffnet hatten. Das Mädel vom Empfang, wahrscheinlich eine Studentin, war nicht da – mal wieder. Wenn sie nicht auf dem Küchenboden schlief, spielte sie Handyspiele oder war eben nicht da. Das war weiter nicht schlimm – konnten wir uns doch eh nur über Google-Übersetzer mit ihr unterhalten. Doch jetzt wäre es vielleicht nicht schlecht gewesen.

„We are looking for girls“

„Ihr seid wirklich sehr hübsch, perfekt seid ihr“, säuselte die Frau mit dem defekten Augenlid im perfekten Englisch. Die andere grinste nur schief. Ich fragte mich, ob sie extra so grinste, oder ob ihre Mundwinkel so waren, dass sie nur so grinsen konnte. Meine Freundin und ich schauten uns an und wusste nicht so recht, was das ganze eigentlich sollte.

„Wir suchen nach Mädchen wie euch.“

Ähm, nein?! Unser Blick wanderte in Richtung Zimmertür, doch die Frauen zeigten sich unbeeindruckt. „Kontaktdaten“ – die Frau mit dem schiefen Grinsen kramte einen Notizblock und Kuli aus ihrer Tasche und hielt ihn uns hin. „Ihr seid wirklich perfekt, kommt doch mit. Vertraut uns, wir sind doch Frauen wie ihr.“

„Nein, wir haben keine Zeit.“

„Wir warten hier, bis ihr Zeit habt.“

Was sollte das denn jetzt heißen? Waren die Frauen auf Drogen? Sie mussten den Ort kennen, schließlich war es von außen schwierig das Hostel überhaupt zu finden. Vor allem mussten sie den Pin-Code kennen – oder es hatte sie jemand unten ins Gebäude gelassen. Fragen über Fragen, die jetzt nicht besonders viel weiterhalfen. Ins Zimmer konnten wir auch nicht, denn sie wären uns gefolgt. Abschließen konnten wir nicht.

„Wie groß seid ihr? Ist das eure Naturhaarfarbe?“, die Frau griff nach den Haaren von meiner Freundin, die zurückwich.

„Wir haben kein Interesse und keine Zeit.“

„Aber wir haben sehr viel Zeit.“

Wir gingen so weit zurück, dass wir schon an unserer Zimmertür waren. Die Frauen hatten es sich inzwischen am Empfang gemütlich gemacht. Die eine drehte sich auf dem Schreibtischstuhl, die andere schaute sich etwas zu ihteressiert die Kontakdaten der Gäste an. War ja mal wieder typisch, dass hier alles offen rumlag.

„Wenn ihr jetzt keine Zeit habt, dann checken wir hier ein. Und bleiben solange hier, bis ihr mitkommt“, sagte die mit dem komischen Augenlid mit ruhiger Stimme und drehte sich e auf dem Stuhl hin und her.

„Nein, danke“, sagte ich, öffnete unsere Zimmer Tür und wir huschten hinein. „Lasst euch Zeit“ hörte ich noch von draußen.

Die wollten sich jetzt also ins Hostel einchecken? Wir kauerten hinter der Tür und wussten nicht so recht, was wir machen sollten. Wir wussten eigentlich gar nicht so genau, was die Frauen überhaupt von uns wollten.

Die Flucht

Wir hörten, dass die beiden sich vom Empfang entfernten und anfingen, durch das Hostel zu streifen. Und dann taten wir das, was überhaupt keinen Sinn machte: Wir zogen unsere Schuhe und Jacken an, passten den Moment ab, als die beiden nicht im Foyer waren (wenn man das überhaupt so nennen konnte) und rannten aus dem Hostel auf die Straße in die St. Ptersburger Nacht hinein. Völlig durcheinander und fern jeder Logik und Verstand sprangen wir in die nächste Metro die wir kriegen konnten.

Und da standen wir beiden Spezialisten zwanzig Minuten später dann – mitten in der Nacht irgendwo im Zentrum von St. Petersburg, um uns herum lauter betrunkene russische Männer (Feierabendbier und so). Denn St. Petersburg zeigt nachts ein anderes Gesicht – unter anderem das Gesicht der nicht-mehr-fahrenden-Metros. Super Idee war das. Wir durften also alles komplett zu Fuß zurücklaufen zum Hostel und haben uns dann in der Dunkelheit mehrmals verlaufen. Das Beste war: So hatten wir unser Problem rein gar nicht gelöst, sondern nur verschlimmert.

Also merke: Nie vor Problemen weglaufen.

Die Rückkehr

Und dann waren wir wieder da. Am Hostel. Und mussten durchs dunkle Treppenhaus und hatten die ganze Zeit Angst, den beiden Frauen zu begegnen. Warteten sie noch immer im Flur? Hatten sie sich eines der Zimmer genommen, um auf uns „zu warten“? Wie zwei Paranoide schlichen wir uns ins Hostel, trauten uns weder in Bad noch Küche, sondern huschten direkt ins Zimmer und stellten irgendwleche Sachen von innen gegen die Tür.

Wir sahen die Frauen nie wieder.

 

 

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