JordanienNaher Osten

…und dann haben sie einfach die Balkontür zugebohrt

Es gibt Lösungsansätze. Und es gibt jordanische Lösungsansätze. Aber lest selbst!

Von Wadi Musa nach Schobak

Wir brechen am frühen Morgen in Richtung Totes Meer auf. Für den Tag nehmen wir ein Taxi, um auf dem Weg noch ein paar interessante Orte zu sehen.

Zuerst stoppen wir an der Festung Schobak, die auf dem Weg von Wadi Musa zum Toten Meer liegt. Die ehemalige Kreuzfahrerburg ist heute nur noch eine Ruine. Sie wurde von den Kreuzrittern „Montreal“ genannt und war während der Kreuzzüge strategisch wichtig.

Madaba: Mosaik der Religionen

Wer nach Madaba kommt, dem wird direkt auffallen: Hier wird fast überall Deutsch gesprochen. Und es gibt überall in der Stadt die für Madaba typischen Mosaikbilder. Auch die Religionen sind bunt durchmischt: Wir besuchten eine Moschee, anschließend eine orthodoxe Kirche und direkt danach den Schrein von Johannes dem Täufer.

Mount Nebo und eine schrecklich nette Familie

In der Nähe von Madaba befindet sich Mount Nebo – der Legende nach der Ort, von dem Moses das erste Mal über das gelobte Land blickte. Wenn man so über die trockene Landschaft blickt, wundert man sich schon, warum dies das gelobte Land sein sollte – oder fragt sich, was Moses wohl vorher für Landschaften gesehen haben musste.

Als meine Reisepartnerin kurz auf Toilette verschwindet, ziehe ich ungewollt die Aufmerksamkeit von ca. zehn Jordaniern um mich herum auf mich, einfach nur weil ich dort sitze. Sie beginnen zu tuscheln, und nach einiger Zeit (nachdem alle untereinander tuschelten) wird mir klar, dass die verteilt sitzenden Menschen eine große Familie sind.

Prompt wird mir Kaffee angeboten, das Baby mit den großen schwarzen Kulleraugen in den Arm gelegt.

Meine Freundin kommt zurück und dachte sich wahrscheinlich auch Was ist denn hier los? Nachdem dann auch noch herauskam, dass einer ihrer Verwandten bei einem großen Autohersteller in Düsseldorf arbeitet wurden sofort alle Versuche unternommen, selbigen Verwandten per Skype zu kontaktieren. Hat aber leider nicht geklappt – er musste schließlich um diese Uhrzeit arbeiten.

Einmal so tun, als wären wir reich

Die Straße von Mount Nebo hinunter zum Toten Meer schlängelt sich durch vertrocknete Felder und hellgrüne Wiesen. Es wird immer wärmer um uns herum und die Luftfeuchtigkeit nimmt zu. Ein Geruch von Salz liegt in der Luft.

Wir erreichen unser Hotel. Das erste Mal in einem 5-Sterne-Hotel für mich, die ja sonst eher low budget unterwegs ist. Warum? Weil es ein Sonderangebot war. Und: Weil man durch die Hotels in Jordanien direkt einen Zugang zu Toten Meer hat, den man ansonsten noch zusätzlich erreichen und bezahlen müsste!

Es fühlt sich an wie in einem Hollywood Film – Portiers schoben langsam die Kofferwagen durch die lichtdurchflutete Eingangshalle, es duftete nach einem dezenten Parfüm, vor der Kulisse der trockenen Landschaft wurde ein großer Weihnachtsbaum aufgebaut. Ja, schließlich war es kurz vor Weihnachten.

Wir beziehen unser Zimmer. Schnell merken wir, dass sich die Balkontür weder in die eine noch andere Richtung schließen lässt und draußen pfeift der Wind unerbittlich, dass es permanent heult und kreischt (jaja, Luxusprobleme). Aber wir tun einmal so, als wären wir reich. Außerdem nervt es und abends wird es ja hier auch kalt.

Bühne frei für „The Engineers“ – Probleme lösen auf jordanisch!

Also beschweren wir uns. Sofort werden die „Engineers“, wie sie hier liebevoll genannt werden, zu uns aufs Zimmer geschickt. Sie sprechen kein Englisch, also versuchen wir mit Händen und Füßen, unser Problem zu erklären. Sie sehen so knuffig aus – einer dick und klein der andere groß und dünn, bemüht, aber leider nicht mehr als bemüht oder sehr bemüht. Sie machen irgendetwas an der Tür. Irgendwann sagen sie, das Problem sei gelöst. Lächeln freundlich und verschwinden wieder.

Aber mit dem nächsten Windstoß war das Problem wieder da. Also gingen wir wieder zur Hotelrezeptition, in der Hoffnung, das Zimmer wechseln zu können. Da rufe ich sofort die Engineers, Moment, sagt der überengagierte, karrierefokussierte Rezeptionist. Nein, nein! begannen wir, aber der Rezeptionist hatte schon den Hörer am Ohr und wenige Minuten später waren die verdutzten Enginieers wieder auf unserem Zimmer. Sie blickten uns an, zuckten mit den Schultern, holten einen Bohrer raus und begannen, die Balkontür zuzubohren.

Okay. Und wie kommen wir jetzt auf den Balkon? Gar nicht.

Nachdem die Türen zugebohrt waren, strahlten die Engineers uns stolz an. Wir blickten uns einfach nur entsetzt an und versuchten ihnen zu verdeutlichen, dass wir so doch nicht rauskämen. Obwohl es uns natürlich das Herz brach, weil sie so unglaublich stolz auf ihr Projekt waren. Als alle Kommunikationsversuche scheiterten, riefen sie den Duty Manager.

Der Duty Manager kam und fragte, was das Problem sei. Dass der Wind so laut war, besonders weil vor unserem Fenster eine überdimensional große jordanische Flagge wehte. No problem, girls, ich lasse die Fahne gerne für euch runter. Wir erklärten ihm, dass wir einfach nur sehr gerne eine geschlossene Tür hätten, aber dass wir auch gerne die Balkontür öffnen würden. Er sagte uns, wir könnten immer die Engineers rufen, wenn wir auf den Balkon wollten, sie würden uns die Tür aufbohren.

Ähm. NEIN!

Schließlich sah der Duty Manager ein, dass das Zubohren der Tür nicht die beste Lösung war. Also mussten die Engineers die Tür wieder aufbohren. Und hatten schon einen neuen Plan. Sie verschwanden kurz und tauchten kurzerhand mit einer großen Rolle Klebeband wieder auf. Die kleben die Tür jetzt zu, sagte der Duty Manager stolz.

Also gingen die Engineers auf den Balkon, schlossen die Türen und klebten sie mit dem Klebeband zu. Und wie kommen die weider rein? fragte ich. Da sah ich die Engineers uns von draußen glücklich winken, bevor sie über den Nachbarbalkon verschwanden. Okay.

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir am Toten Meer und genossen den Sonnenuntergang.

Als wir zurückkehrten, dekorierten die Engineers gerade den neuen großen Weihnachtsbaum. Sie winkten uns fröhlich zu. Man kannte sich eben.

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